1,3 Milliarden können nicht irren - Zeitungen in China
1,3 Milliarden Menschen zu regieren, ist kein leichter Job. Korruption, Menschenrechtsverletzungen, Willkür, Zensur und fehlende demokratische Partizipation - mal kurz Schwamm drüber, ja? Die kommunistische Partei Chinas hat es einfach nicht so leicht wie, sagen wir mal, die Regierung von Dänemark. Und abgesehen von diesen lästigen Gutmenschen-Kritikern macht sie doch einen großartigen Job! Die Wirtschaft wächst, Millionen von Menschen wurden aus der Armut geführt. Das muss der Partei erstmal jemand nachmachen.
Und überhaupt, Menschenrechte und der ganze Kram, kommen aus dem Westen und sind gar nicht chinesisch. China, bzw. die KP Chinas, hat eine eigene Sicht auf die Welt. Um diese Perspektive auch westlichen Besuchern besser zu vermitteln, gibt es englischsprachige Zeitungen. Sie werden eigens für Laoweis (“Ausländer”) produziert. Dazu gehören: Die Global Times, die Shanghai Daily und die China Daily.
Die verkaufte Auflage der GT liegt angeblich bei 100000, von denen ein Großteil wahrscheinlich auf Flügen ausgeben wird. In Shanghai eine englische “Huan Qiu Shi Bao” zu kriegen, ist nämlich nicht einfach. Die meisten Zeitenkioske haben sie nicht.

Letztes Jahr war ich mit einem Stipendium (www.medienbotschafter.de) der Robert-Bosch-Stiftung in China. Teil des Programms war ein zweimonatiges Redaktionspraktikum bei der Global Times in Shanghai. Ich glaube, man kann zurecht einmal kritisch fragen, warum deutsches Geld dafür ausgegeben wird, dass deutsche Journalisten umsonst bei einer chinesischen Staatszeitung arbeiten. Trotzdem war es für mich persönlich eine sehr interessante Erfahrung.
Etwa ein Drittel der vielleicht 40 Journalisten waren Laoweis. Sie kamen aus England, Australien, den USA und Kanada. Keiner von ihnen war ein ausgebildeter Journalist. Die meisten waren Ende 20 und es hatte sie irgendwie nach Shanghai verschlagen. Mindestens einer von ihnen trank zu viel, fast alle hatten schon einmal einen Hong Bao, einen roten Umschlag mit Geld, angenommen, um anschließend positiver zu berichten. Fast alle schimpften über ihren Chef, eine ebenso kompetente wie gutaussehende Chinesin Mitte 30. Alles war also fast genauso wie bei einer deutschen Tageszeitung.


Die anderen zwei Drittel waren Chinesen. Die meisten von ihnen hatten gerade ihr Journalismus-Studium beendet (zu dem ein mehrwöchiger Kurs über Journalismus und Marxismus gehört), und hatten so gut wie keine Praxiserfahrung. Manchmal kam es in den Konferenzen zu merkwürdigen Szenen:
Ling schlägt vor: “Ich könnte ein Follow-Up zu der Messerstecherei an der Schule von vormachen.”
Chefin: “Gibt es denn etwas Neues?”
Ling: “Äh, nein.”
Chefin: “Warum sollten wir dann ein Follow-Up machen?”
Ling: “Der Täter ist 22.”
Chefin: “Und?”
Ling: “Dass er 22 ist, haben wir, glaube ich, noch gar nicht geschrieben.”
Yue (lispelt): “In Yunnan gibt es jetzt eine Bettfloh-Plage.”
Chefin: “Wir arbeiten aber in der Lokal-Ausgabe von Shanghai. Yunnan ist 1500 Kilometer von uns entfernt.”
Yue (lispelt noch mehr): “Hm, ich dachte, vielleicht kann man ja fragen, ob die Bettfloh-Plage auch nach Shanghai kommt.”
Es ist natürlich ein bisschen gemein, sich über die Konferenzen lustig zu machen. Trotz all dieser Schwierigkeiten nämlich waren die meisten Mitarbeiter hoch motiviert (zumindest anfangs) - und am Ende erschien eine wirklich gute, und gar nicht so unkritische Tageszeitung, die es durchaus mit westlichen Konkurrenzblättern aufnehmen kann - und in der Meinung und Nachricht streng voneinander getrennt sind.
Aber….
Aber, die KPCh ist nicht blöd. Ziel ist es wohl, ein Blatt zu machen, dass zunächst einmal dem Propaganda-Klischee der meisten Westler widerspricht. Wer die Zeitung zum ersten Mal aufschlägt, denkt wahrscheinlich: Die Global Times ist eine gute gemachte Zeitung, und dass hier nichts Kritisches veröffentlicht wird, stimmt gar nicht. Die Chinesen, die haben halt einfach eine andere Meinung zu Menschenrechten und Geopolitik. Das muss man erstmal so stehen lassen.
Wer sich näher über die Meinung “der Chinesen”, oder besser gesagt der KPCh informieren möchte, liest am besten die Meinungsseite. Die kommt nämlich direkt vom Propaganda-Ministerium. Meistens wird darin gegen die USA, den Westen im Allgemeinen und die bösen aggressiven Nachbarn wie Vietnam und Japan gehetzt.
Zur Zeit geht es um die Unruhen in Russland. Am 5.Dezember stand dort:
“The Russians certainly want democracy. Otherwise, we wouldn’t find them voting in a Western-style election with a multi-party system and undergoing the privatization of their media groups. The former communist state has at least adopted the form of a democratic system.”
und weiter
“The West should give some applause to the Russians. However, since the collapse of the Soviet Union, the West has become increasingly stingy in offering cheers to their former enemies.”
Ein Hoch auf Putin und die große russische Demokratie!
Als ich dort arbeitete, wurde gerade der Friedensnobelpreis an den Dissidenten Liu Xiaobo vergeben. Während alle westlichen Medien voll davon waren, schwieg die Global Times das Thema die ersten zwei Tage tot. Dann folgte ein Kommentar, in dem stand:
“A survey done by the Global Poll Center over the weekend indicated that the majority of Chinese citizens are against the decision to award the Nobel Peace Prize to Liu Xiaobo. It is hoped the Nobel committee will reflect on their poor choice and apologize to the Chinese public.
The Nobel committee has no reason to believe their political judgment is better than that of 1.3 billion people. The West has no authority to overrule Chinese people’s values and judgment.”
1,3 Milliarden Chinesen können nicht irren…
Zensiert wurde ich während meines Praktikums übrigens nicht. Man übernimmt das nach einiger Zeit selbst. Das ist auch für die Zensoren praktischer, so haben die weniger Arbeit. Ich schlug eine Geschichte vor über eine NGO, die sich um Kinder von zu Tode Verurteilten kümmert. Meistens sind es arme Bauersfrauen, die jahrelang von ihrem Mann misshandelt wurden, und irgendwann keinen anderen Ausweg mehr sahen, als den Mann zu ermorden. Sie wurden natürlich erwischt und zum Tode (früher Erschießen, mittlerweile hauptsächlich Gift) verurteilt. Die Kinder landen auf der Straße, da die Verwandten oft nichts mit Kindern von Straftätern zu tun haben wollen. Bei der NGO “Morning Tears” erhalten sie ein Bett, Verpflegung, psychologische Betreuung und eine Schulausbildung.
Als ich dort war, sagte mir der Leiter des Projekts, ein Belgier: Bitte schreib nichts über Todesstrafe, das gibt Ärger.
Mein Editor, ein Australier, sagte: Das mit der Todesstrafe müssen wir rausnehmen, das mag die Chefin nicht.
Die Chefredakteurin sagte: Den Absatz über die Todesstrafe muss raus, das gibt sonst Ärger aus Peking.
Der Text erschien so in der Global Times und so in der Süddeutschen Zeitung.